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Sonne, Tapas, Cerveza, Fiesta, Siesta … 5 Monate Praktikum in Sevilla

 Chile, Argentinien, Peru, Mexiko, Kolumbien, Costa Rica? Oder doch Asien? Nach langem Hin und Her (sorry Mama) habe ich mich dafür entschieden, mein Pflichtpraktikum in Spanien zu absolvieren. Nach meinem Semester in Mexiko wollt ich nicht nochmal ganz so weit weg und in Europa gibt es die Förderung von Erasmus, mit der ich nicht auf ein bezahltes Praktikum angewiesen war. Zudem muss ich keine zusätzliche Auslandskrankenversicherung abschließen. Nachdem ich endlich einen Praktikumsplatz in Sevilla gefunden hatte, ging die Bewerbung für Erasmus Plus super schnell. Ich und meine zukünftige Chefin mussten lediglich einige Papiere mit Informationen über das Praktikum ausfüllen und diese von meinem Professor absegnen lassen. Anschließend musste ich online noch einen Sprachtest machen und das wars. Anfangs bekommt man 80% der Zahlung (die Höhe ist landesabhängig), nach erfolgreichem Absolvieren die restlichen 20%.

Flug gebucht, Koffer gepackt, an einem Samstag Anfang Februar hieß es auf in den Flieger nach Sevilla.

Im Verabschieden bin ich nach meinen zahlreichen Auslandsaufenthalten schon irgendwie ein alter Hase, außerdem ist Spanien ja quasi um die Ecke, der Abschied lief also ohne Tränen! Jeder der mich (und meine Mama) kennt weiß, dass wir dafür lange üben mussten 😀

Samstagsnachmittags in Sevilla angekommen, erstes Zimmer in einer 4er WG besichtigt, zufrieden, Vertrag unterschrieben und ruck zuck war der Koffer ausgepackt und meine Fotos hingen an der Wand. Nachdem ich in Mexiko sehr viel Zeit mit Deutschen verbracht habe und sich demnach mein Spanisch nicht ganz so entwickelt hat, wie ich es mir vorgestellt hatte, war es mir wichtig hier in Sevilla wenigstens mit einer spanisch sprechenden Person zusammen zu wohnen. Mit meinen Mitbewohner Julia (Cádiz), Pablo (Córdoba) und Alejandro (Guatemala) sollte dem also nichts im Wege stehen. Mein Fazit zur Wohnungssuche: nicht zu früh anfangen, absolute Zeitverschwendung! Ich habe bereits im November angefangen, die Auswahl ist riesig, es gibt zahlreiche Portale, wo man sich Wohnungen, Mitbewohner bzw. ein Zimmer in Spanien suchen kann. Es ist jedoch immer besser, sich das Ganze vor Ort anzugucken, denn Fotos können leider oft täuschen. Deswegen mein Rat: ca. drei Wochen vor Ankunft anfangen zu suchen und sich vor Ort Termine machen. In Sevilla ist es etwas einfacher als in anderen Städten, wie z.B. Madrid oder Barcelona.

Da ich zwischen Mexiko und Sevilla nur ein paar Wochen Zeit in Deutschland hatte, in denen es einiges zu erledigen gab, hatte ich mich kein Stück mit der Stadt Sevilla befasst. Gut, dass meine Mitbewohner sich auskannten.

Sonntag, 25 Grad, Sonne, 14 Uhr: ganz Sevilla ist im schönen Sonntagsdress auf der Straße, isst Tapas, trinkt Cerveza und ist am schnacken … que vida buena!

Während ich dann auch meine ersten richtigen Tapas am verputzen war (Fleisch mit Carbonarasauce … komische Mischung!), wurde ich von Pablo erst mal über die Essgewohnheiten aufgeklärt. Zum Frühstück gibt’s zum Kaffee oder der Milch Churros, Kekse, Magdalenas oder Toastada (getoastetes Weißbrot) mit Olivenöl, Tomaten oder Butter und Zucker. Gegen 11Uhr gibt es dann einen kleinen Snack bevor gegen 14/15 Uhr reichlich zu Mittag gegessen wird. In Restaurants kann man das Gericht meistens als „Tapa“ (kleine Portion), „Racion“ (Portion) oder „Plato“ bestellen. Nach dem anstrengenden Essen wir dann erst mal eine Siesta gemacht, danach (17/18 Uhr) nochmal gearbeitet und das Cena gibt es gegen 21.30/22 Uhr, im Sommer auch teilweise erst gegen 23 Uhr. Puh, inwiefern ich mich daran anpassen könnte, war mir noch ein Rätsel.

Sevilla ist bei Studenten sehr beliebt um das Erasmusjahr zu absolvieren. Schon seit Januar war ich auf Facebook Mitglied in einigen Gruppen für Erasmusstudenten in Sevilla, welche zum einen super hilfreich in Bezug auf Informationen über die Stadt, Tipps, Wohnungssuche, Veranstaltungen etc. waren und zum anderen natürlich auch, um hier erste Kontakte zu knüpfen. Das Semester ging zu derselben Zeit los, wie mein Praktikum, weswegen ich bei den zahlreichen „Welcome-Week“ Aktivitäten teilnehmen konnte und somit super schnell Anschluss gefunden habe.

Montag ging es dann los mit dem Praktikum bei „We Love Spain“, einer Organisation, die Reisen und Exkursionen für internationale Studenten nach Spanien, Marokko und Portugal organisiert. Nach und nach habe ich mehr Aufgaben bekommen: Social Media, Accounting, Übersetzung der Website, Buchungen, Promotion in den Universitäten und bei den Sprachprogrammen, Kundenservice, Beratung etc. Zudem habe ich in den letzten zwei Monate am Wochenende als Koordinatorin auf den Reisen bzw. Tagestrips gearbeitet, was mir sehr viel Spaß bereitet hat. Unter er Woche war ich von 12-20Uhr im Büro. Anfangs ein etwas ungewohnter Zeitplan, jedoch habe ich mich sehr schnell daran gewöhnt. So konnte ich den Morgen für Besorgungen, Sport, Frühstücksdates oder Ausschlafen (:D) nutzen und da die meisten Restaurants eh nicht vor 20.30 Uhr aufmachen und das Leben abends einfach später ist, habe ich nichts verpasst. Zudem habe ich ab April 1-2 Mal in der Woche Fahrradtouren durch die Stadt geleitet. Den Touristen diese wunderschöne Stadt zeigen zu dürfen, etwas über die Geschichte und die Legenden zu erzählen und ihnen anschließend meine Geheimtipps zu verraten, war eine super Erfahrung. Das allerschönste waren immer die Gesichter und die offenen Münder, wenn wir am Plaza de España angekommen sind.

Wie bereits erwähnt ist Anschluss finden in einer Erasmusstadt wie Sevilla gar kein Problem, jedoch ist es natürlich immer gut auch Zeit mit „Locals“ zu verbringen. Auch dies war bei mir gar kein Problem, denn ich hatte unglaubliches Glück mit meiner WG. Wir haben uns super verstanden und alle waren immer motiviert etwas zu unternehmen. Direkt Ende Februar sind wir ein Wochenende zu Julia nach Cádiz gefahren, um dort Karneval zu feiern. Auch wenn ich als „kölsche Mädsche“ durchaus enttäuscht vom Karneval war und, wenn Churros nicht gerade zu meinen Frühstücksfavoriten gehören, war es ein super tolles Wochenende, 100% Spanien.

Da ich über das Sommersemester in Sevilla war, hatte ich außerdem das Glück die zwei wichtigsten Wochen Sevillas mitzuerleben.

Zum einen die Semana Santa, die Osterwoche. In Sevilla finden die größten Feierlichkeiten in ganz Spanien statt: 144 Prozessionen zwischen Palm- und Ostersonntag, tausende Touristen, die ganze Stadt blockiert, kein freies Bett und mitten drin die völlig überwältigte Anna. Was genau muss man sich unter einer Prozession vorstellen? Beginnend mit dem „Leader del Cruz“, gefolgt von der ersten Gruppe „Nazarenos“. So heißen die Männer mit den spitzen Hüten, die ein bisschen an den Ku-Klux-Klan erinnern. Gefolgt von einer Musikkapelle und vom ersten „Paso“, dem „Paso de Christo“, welcher von 40-50 „Costaleros“ getragen wird. Der Name leitet sich von ihrer Kopfbedeckung, dem „costal“ (Sack) her. Dieser hat einen dickeren Teil am Nacken. Warum? Weil in Sevilla die Pasos mit dem Nacken getragen werden … ganz schön verrückt, wen man überlegt, dass einer bis zu 3000kg wiegt.

Es folgt die zweite Gruppe Nazarenos, eine Kapelle und der „Pasó de la Virgen María“. Die Anzahl der Nazarenos variiert, jedoch können es bis zu 2000 pro Prozession sein. Diese verlaufen durch die ganze Stadt, beginnen gegen Mittag und können bis 2 oder 3 Uhr nachts dauern. Gerade bei Nacht ist es jedoch sehr beeindruckend, wenn die Nazarenos Kerzen tragend die Avenida de la Constitución hinablaufen. Bei so vielen Prozessionen und Touristen ist das Fortbewegen – vor allem im Zentrum – ziemlich eingeschränkt bzw. teilweise unmöglich. Während dieser Woche haben viele Läden und Restaurants entweder geschlossen oder spezielle Öffnungszeiten bzw. Speisekarten. Nach zwei Tagen hatte ich genug und da auch unser Büro geschlossen hatte, beschloss ich mit ein paar Freunden nach Portugal zu entweichen.

Zwei Wochen später ging es dann auch direkt weiter. Mit der „Feria de Abril“, dem größten Frühlingsfest in Spanien. Ich hatte zwar einiges darüber gelesen und mein Chef (100% Sevillianer) hat spätestens seit Ostern über quasi nichts Anderes mehr geredet, jedoch hätte ich nie gedacht, dass es SO ist. Wie ist? So richtig erklären kann man es nicht, man muss es einmal dort gewesen sein, aber ich gebe mein Bestes: Eine Mischung aus einer riesigen Kirmes, Oktoberfest und Karneval. Häh? Mh okay, folgendes: auf einer großen Wiese im Stadtteil „Los Remedios“ bauen die Sevillianer einmal im Jahr 1040 sogenannte „casetas“ (Zelte) auf. Diese gehören Familien, Gruppen von Freunden, Firmen, Parteien etc. und die Straßen sind nach berühmten Stierkämpfern benannt, so wird eine Art eigenes Dorf kreiert. Was befindet sich in den Zelten? Ziemlich simpel: Alkohol, Essen und Flamencomusik. Und was macht man den ganzen Tag? Das, was die Sevillianer am besten können: essen, trinken und Flamenco tanzen – die Siesta zwischendrin natürlich nicht zu vergessen! Vormittags kommt der Sevillianer in seinem Anzug, die Frau im Flamencokleid, mit Hochsteckfrisur, Schmuck behangen und definitiv ausreichend Makeup im Gesicht – mit seinem Pferd oder in der Kutsche an, zeigt wie schön er und wie toll sein Pferd ist, und begibt sich in eine Caseta. Dort wird gegessen, getrunken, geschnackt, Siesta gemacht, weiter gegessen, getrunken, geschnackt und natürlich Flamenco getanzt – und das bis in die frühen Morgenstunden. Und am nächsten Tag geht es weiter – the same procedure as every year! Das Spektakel dauert normalerweise sechs Tage, aber die Sevillianer haben es aufgrund des 25. Jahrestages der Expo’92 dieses Jahr auf neun Tage verlängert – und so lange wird es auch die nächsten Jahre dauern. In ein Flamencokleid habe ich mich zwar nicht gezwängt –  es ist mir immer noch ein Rätsel wie man darin laufen, tanzen geschweige denn atmen soll – aber ich habe mich trotzdem mehrere hundert Jahre zurückgebeamt gefühlt. Die Stadt ist zu dieser Zeit ebenfalls im Ausnahmezustand, fast keiner arbeitet, die Läden und Restaurants haben entweder gar nicht oder nur halbtags geöffnet. Nächstes Jahr komme ich wieder!

Y que tal tu espanol? Für mich war es hilfreich nach meinen 1,5 Jahren Spanischunterricht in der Uni zunächst nach Mexiko zu gehen, denn meiner Meinung nach kann man die Mexikaner meistens gut verstehen und man kommt erst mal um die Formen der 2. Person Plural herum. In Sevilla viel es mir anfangs sehr schwer gefallen, mich an das Benutzen der 2. Person Plural zu gewöhnen – naja, zumindest haben Alejandro und meine neuen mexikanischen Freunde mich verstanden und das gleiche Leid geteilt. „Weys“ gibt es nicht, alle heißen „tío“ oder „tía“ (Onkel/Tante) und alles ist „guay“ und nicht „padre“. Und aufgepasst: Hier werden Buchstaben bzw. teilweise halbe Wörter gegessen, geschluckt, verbunden oder gar nicht erst gesprochen. Man sollte das andalusische Spanisch definitiv nicht unterschätzen aber nicht direkt verzweifeln, das kommt mit der Zeit … tranquilito 😉

5 Monate: viel gereist, neue Freunde gefunden, zahlreiche Tintos de Verano und Cervezas getrunken, Tapas gegessen, Parties gefeiert, Stunden Fahrrad gefahren, geschwitzt, Wortschatz erweitert und natürlich einen Haufen Erfahrungen gesammelt …

Kurz und knaggisch: Danke Sevilla, ich komme wieder – ganz bestimmt!

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